Das Osterfest verkündet uns eine erschütternde Wahrheit: Das Licht hat die Finsternis besiegt, das Leben ist stärker als der Tod, die Hoffnung enttäuscht nicht. Doch selbst nach dieser Ankündigung ist es nicht immer leicht, dieses Licht in sich eindringen zu lassen. Unser Leben bleibt voll von Sorgen, Müdigkeit, alten Verletzungen und stillen Zweifeln. Wie können wir das Licht der Auferstehung konkret in unserem Herzen, in unseren Gedanken, in unseren alltäglichen Gesten aufnehmen?
Diese fünf Verse sind wie offene Fenster. Sie erhellen nicht alles auf einmal, sondern lassen eine Brise, einen Strahl, einen Atemzug hindurch. Langsam zu lesen. In Ruhe zu meditieren. In die Tiefe gehen lassen.
"Das Volk, das in der Finsternis wandelte, sah ein großes Licht aufgehen". Jesaja 9,1
Dieser prophetische Vers, der oft zu Weihnachten gelesen wird, erhält an Ostern eine ganz neue Bedeutung. Das Volk, das ist jeder von uns. Wir wandeln in der Dunkelheit unserer Ängste, unserer Stürze, unserer Mühen. Aber ein Licht ist aufgegangen. Es kommt nicht von uns. Es hängt nicht von unserem Verdienst oder unserer Anstrengung ab. Es ist ein reines Geschenk. Angebotene Gnade.
Dieses Licht hereinzulassen bedeutet, zu akzeptieren, dass wir dort erreicht werden, wo wir sind. In unseren dunklen Bereichen. In unseren Einsamkeiten. In dem, was wir verbergen. Das Licht Gottes urteilt nicht. Es enthüllt. Es heilt. Es leuchtet sanft, ohne zu verletzen.
"Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln." Johannes 8,12
Jesus sagt nicht einfach, dass er das Licht bringt. Er sagt, dass er das Licht ist. In ihm gibt es keinen Schatten. Wenn wir ihm nachfolgen, nicht rennend, sondern sogar langsam gehend, treten wir allmählich in die Helligkeit ein.
Nachfolge Christi bedeutet, sich auf das Licht zuzubewegen. Es bedeutet nicht, vor der Wirklichkeit zu fliehen, sondern sie mit anderen Augen zu sehen. Es bedeutet nicht, die Schwierigkeiten zu leugnen, sondern sie mit einer stärkeren Hoffnung zu durchschreiten. Und wenn man stolpert, leuchtet das Licht weiter. Es erlischt nicht, weil man gefallen ist.
"Die Nacht ist bald zu Ende, der Tag ist nahe." Römer 13,12
Es gibt lange Nächte. Stille, die andauert. Hoffnungen, die auf Eis gelegt sind. Paulus erinnert uns hier daran, dass der Tag immer näher rückt. Auch wenn wir ihn noch nicht sehen können. Auch wenn alles in uns nach Müdigkeit, Überdruss oder Entmutigung schreit.
Dieser Vers ist eine Verheißung. Er fordert uns auf, nach den Zeichen des Morgens Ausschau zu halten. Daran zu glauben, dass die Sonne wiederkommt. Uns wie Wächter zu verhalten. Das Licht von Ostern hereinzulassen, bedeutet, sich der Morgendämmerung zuzuwenden, selbst wenn wir noch im Halbdunkel sind.
"Der Herr ist mein Licht und meine Rettung; vor wem sollte ich mich fürchten?" Psalm 27,1
Dieser Vers ist ein Schrei des Vertrauens. Kein naives Vertrauen, sondern ein tief verwurzeltes Vertrauen. Der Psalmist kennt die Prüfung. Aber er entscheidet sich dafür, dass Gott sein Licht ist. Selbst mitten im Sturm.
Das Licht von Ostern annehmen, heißt, Gott unsere Gewissheiten neu schreiben zu lassen. Es bedeutet nicht, alles zu verstehen, sondern zu wissen, auf wen man seinen Glauben setzt. Es bedeutet, sich dafür zu entscheiden, zu glauben, dass Gott selbst in der Not den Weg erleuchtet. Dass er vor uns hergeht. Dass er uns nie im Stich lässt.
"Ihr seid das Licht der Welt." Matthäus 5,14
Dieser Vers stellt alles Vorherige auf den Kopf. Jesus sagt nicht nur, dass er das Licht ist. Er sagt, dass wir es auch sind. Er vertraut uns dieses Licht an. Er lädt uns ein, es nicht zu verstecken, sondern es leuchten zu lassen.
Das Licht von Ostern hereinzulassen, bedeutet nicht nur, es zu empfangen. Es bedeutet, sein Träger zu werden. Es bedeutet, ein Widerschein zu sein. Eine brennende Lampe zu sein. Ein Zeichen zu sein. Es ist nicht nötig, große Dinge zu tun. Eine Geste der Liebe, ein richtiges Wort, ein stilles Gebet genügen.
Schlussfolgerung
Das Licht von Ostern in sich eindringen zu lassen, bedeutet, Gott in dem, was man hier und jetzt erlebt, Platz zu machen. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass man besucht, aufgerichtet und gewärmt wird. Es bedeutet nicht, der Realität zu entfliehen, sondern sie auf andere Weise zu bewohnen. Noch tiefer. Sanfter.
Diese fünf Verse sind nicht dazu da, um zu überzeugen. Sie sind dazu da, um zu öffnen. Damit sich sanft ein Raum in uns ausdehnt. Und dass wir eines Tages, vielleicht sogar ohne dass wir es merken, unsererseits zum Licht für andere werden. Ein Licht, das nicht von uns kommt, sondern durch uns hindurchgeht.