Eine Stille, die stärker ist als alle Reden
Der Karfreitag ist ein besonderer Tag. Ein Tag, an dem alles stillzustehen scheint. Die Kirche feiert keine Messe. Die Glocken schweigen. Der Altar ist nackt. Der Tabernakel ist leer. Alles ist kahl, still und ernst. Und doch erklingt in dieser Stille der größte Schrei der Liebe in der ganzen Geschichte: der Schrei Christi, der sein Leben hingibt. Nichts leuchtet, nichts tröstet, nichts beruhigt. Da ist nur ein Mann, an einem Kreuz, auf dem Gipfel eines verlassenen Ortes, der den ganzen Schmerz der Welt auf sich trägt. Er flieht nicht. Er verflucht nicht. Er liebt. Bis zum bitteren Ende. Bis er nichts mehr zu geben hat, außer seinem Leben.
Nichts glänzt, nichts tröstet, nichts beruhigt. Da ist nur ein Mann, an einem Kreuz, auf dem Gipfel eines verlassenen Ortes, der den ganzen Schmerz der Welt auf sich trägt. Er flieht nicht. Er verflucht nicht. Er liebt. Bis zum bitteren Ende. Bis er nichts mehr zu geben hat, außer seinem Leben.
Der erniedrigte Christus: Gott bis zum Äußersten erniedrigt
An diesem Tag wird Jesus verraten, hastig verurteilt, geschlagen, verspottet, an ein Holz genagelt. Der Mann, dem die Menge wenige Tage zuvor noch zugejubelt hatte, wird nun wie ein Verbrecher abgelehnt. Doch er wehrt sich nicht. Er lehnt sich nicht auf. Er akzeptiert, nicht aus Fatalismus, sondern aus Liebe.
Der Skandal des Karfreitags ist dieser Gott, der sich nicht von unseren Schmerzen fernhält, sondern sie auf sich nimmt. Der das Leid nicht beherrscht, sondern durch es hindurchgeht. Er betrachtet das Böse nicht aus der Ferne: Er nimmt es in sich auf. Er wendet seinen Blick nicht ab: Er pflanzt ihn in den unseren.
Dieser Tag sagt uns, dass Gott dem Menschen nie so nahe ist, wie er am weitesten entfernt zu sein scheint. In der Nacht, in der Verlassenheit, im Leiden ist er da. Er beseitigt den Schmerz nicht, sondern kommt, um ihn mit uns zu tragen. Er geht hinein, um uns nicht allein zu lassen.
Eine Liebe, die hilflos ist, aber stärker als alles andere
Jesus antwortet auf Gewalt nicht mit Gewalt. Er schreit seinen Zorn nicht heraus. Er rächt sich nicht. Er liebt. Er betet für die, die ihn schlagen. Er vertraut dem Jünger seine Mutter an. Er verspricht einem Verbrecher den Himmel. Er vergibt. Er liebt.
Dieses Schweigen Jesu am Kreuz ist stärker als alle Reden. Es offenbart eine Liebe, die sich nicht aufdrängt, sondern sich verschenkt. Eine Liebe, die bis zum Äußersten der Selbsthingabe geht. Eine Liebe, die keine Gegenleistung erwartet.
Der Karfreitag ist kein Misserfolg. Er ist nicht das Ende. Er ist der Sieg einer Liebe, die vor nichts zurückschreckt. Eine Liebe, die bis in den Tod hineingeht, um dessen Ketten von innen heraus zu sprengen.
Auch wir sind eingeladen, am Fuße des Kreuzes zu bleiben
Es ist leicht, die Augen abzuwenden. Das Kreuz ist nicht schön. Es macht Angst. Es stört uns. Aber an diesem Tag werden wir aufgefordert, dort zu bleiben. Nicht zu fliehen. Nicht zu versuchen, zu verstehen. Nur zu schauen.
Am Fuß des Kreuzes zu stehen, bedeutet zu erkennen, dass wir diese Liebe nicht verdienen und dass sie uns trotzdem geschenkt wird. Es bedeutet, im Gekreuzigten nicht einen gebrochenen Menschen zu sehen, sondern einen Gott, der bis zur Stille liebt. Es bedeutet, in sich zu schweigen, um die letzten Worte eines Erlösers zu hören, der alles gibt.
Es wird nicht von uns verlangt, das Kreuz zu erklären. Wir werden lediglich gebeten, dort zu stehen, in Stille, mit einem offenen Herzen. Und zuzulassen, dass diese Liebe uns verwandelt.
Ein Tag, der bereits das Licht vorbereitet
Auch wenn alles vorbei zu sein scheint, ist der Karfreitag nicht das Ende. Er ist der Übergang. Die Schwelle. Die Erde ist noch dunkel, aber der Himmel beginnt zu zittern. Das Licht ist noch nicht zu sehen, aber es kommt. Es kommt langsam. Es kommt unauffällig. Treu.
In diesem stillen Tag bereitet sich die Auferstehung vor. Nicht um das Kreuz auszulöschen, sondern um durch es hindurchzugehen. Nicht um das Leiden vergessen zu machen, sondern um es zu verklären.
Schlussfolgerung
Der Karfreitag ist ein Ruf. Zu bleiben. Zu schweigen. Zu schauen. Zu lieben. Es ist kein Tag, um zu verstehen, sondern um sich hinzugeben. Um anzuerkennen, dass Gott uns nicht mit Gewalt rettet, sondern durch seine Liebe. Und dass diese Liebe, still, gedemütigt, gekreuzigt, stärker ist als alles, was uns in Angst, Scham oder Verzweiflung einschließen möchte.
Daher, auch wenn unsere Worte stocken, auch wenn unser Glaube wankt, auch wenn unser Herz sich verkrampft, lasst uns einfach da bleiben. Einen Moment lang. Ein bisschen. Und lassen wir zu, dass diese verletzte Liebe das Zerbrechlichste in uns berührt. Denn daraus wird das Leben entspringen.